|

de:bug
May 2002
Article by Thaddeus Herrmann.

Múm, das sind vier Freunde aus Island, die vor ein paar Jahren einfach
auftauchten und mit ihren gewaltig zurückhaltenden Tracks die isländische
Elektronika-Lücke zwischen Björk und dem großen Nichts mit einer Leichtigkeit
füllten, dass es schon fast ein bisschen unheimlich war. Jetzt ist ihr
zweites Album fertig.
Musik aus Schwimmhallen und Leuchttürmen
Múm
Wenn man sich in Reykjavik ins Auto setzt und so eine kleine halbe Stunde
zur Inselumrundung in Richtung Osten ansetzt, dann landet man in einem
kleinem Dorf mit Bach und kleiner Schwimmhalle. Die hatten sich die Dorfbewohner
vor langer Zeit mal gebaut, weil sie nicht wussten, wohin mit ihrem Geld.
Mittlerweile hat die schwer deprimierte weltwirtschaftliche Misere aber
auch isländische Kleinstädte erreicht und die Menschen vor Ort brauchen
keine Schwimmhalle mehr, sondern Geld um im Edeka einzukaufen, denn Lebensmittel
sind teuer auf der Insel. Also verkauft man die Schwimmhalle an Leute,
die immer Geld haben: Rockstars. Und da Björk zwar noch in Island wohnt,
aber lieber in New York aufnimmt, schlagen Sigur Ros zu und bauen das
Hallenbad zu einem, gelinde gesagt, angeberischen, aber extrem funky Studio
um und lassen dann gleich noch Freunde da aufnehmen. In diesem Fall, also
im letzten Oktober, Múm. Die hatten sich den Sommer über in einem kleinen
Leuchtturm in Nordisland zurückgezogen, um für ihr zweites Album schon
mal Ideen zu sammeln und ein paar Sounds aufzunehmen. Sich zurückziehen
in Island heißt: ins Funkloch, was gar nicht so einfach ist, aber das
ist eine andere Geschichte. Zurück ins Schwimmbad, wo Gunnar, Örvar, Kristin
und Gya, also Múm, gerade Pause machen, alle 3 Millionen Kanäle des Mischpults
mit Pro Tools verknüpft haben, auf ihren Powerbooks eifrig die Notation
mitverfolgen, das Cello streicheln und dazu Gemüseeintopf machen. Also
Pause machen, was Nicht-Isländern, die den ganzen Tag in einer heißen
Quelle gebadet haben und auf Kirchtürme geklettert sind, extrem gut tut.
Kristin lernt deutsch mit einem dieser Cassettenkurse und hört gerade
ein gefaktes Radiointerview mit einem deutschen Rockstar und Gunnar meint,
wir sollten mal ein paar neue Tracks hören. Dann ist alles wie früher.
Wie damals, als ich zum ersten Mal eine Múm Platte in die Finger bekam
und mich sofort unbekannterweise in diese Menschen verliebte, denen so
wunderbare Tracks einfielen. Stücke vollgestopft mit Breakbeat- und Plinkerspielplätzen,
Schaukelorgien, traurigen Melodien und genuschelten Textchen, wo die Melodika
sich durch das Rascheln der Granularsynthese durchfuchsen muss und dann
die Beats zum Hafen rennen und auf großen Dampfern anheuern. Múm, das
ist große Popmusik, von Menschen, die vielleicht gar nicht so genau wissen,
was das eigentlich ist...Pop.
Kennen Sie Hufeland?
Örvar und Gunnar haben da mal gewohnt, in der Berliner Hufelandstraße.
Vor zwei Jahren tauchten sie plötzlich auf, blieben eine Weile, freundeten
sich mit anderen elektronischen Musikern an und freuten sich, dass alle
so sympathisch waren. Und als das neue Album fertig war, packten Örvar
und Kristin die Koffer und machten es sich im Prenzlauer Berg gemütlich,
sitzen mir im Café gegenüber und ernten von der Kellnerin schmunzelnde
Blicke als beide "ein großes Glas Wasser vom Fass" zu ihren Tacos bestellen,
aber in Island sagt man das eben so. Unterdessen ist die ganze Welt, in
diesem Falle vor allem die kleine Gemeinde derjenigen, die man früher
IDM-Kids nannte, ganz aus dem Häuschen. Ist ja auch kein Wunder. "Finally
We Are No One" ist mehr als großartig. Tracks wie "The Land Between Solar
Systems" oder "Green Grass Of Tunnel" sind einfach die perfekten Soundtracks,
um zur Ruhe zu kommen und gleichzeitig eine Menge über das Leben an sich
in Island zu lernen. "Ich weiss auch nicht so recht", sagt Örvar. "Wir
haben dazu gelernt, haben uns mehr Zeit gelassen bei den Stücken und naja...jetzt
ist die Platte fertig. Man darf einfach keine Angst haben vor gar nichts,
muss sich alles trauen. Und das lernt man in Island ganz von alleine,
weil die Szene der aktiven Künstler und Musikern so klein ist, dass man
früher oder später einfach zusammenkommt. Wir haben Musik für eine Oper
gemacht, isländische Poesie vertont. Island ist einfach so klein, dass
alle miteinander arbeiten müssen, auch wenn sie ganz unterschiedliche
Hintergründe haben." Getraut haben Múm sich einiges. Es gibt sogar Leute,
denen alles ein bisschen viel ist und behaupten, die Elektronikas müssten
mehr darauf achten, dass die Verkitschung nicht alles total verklebt und
wieder mehr auf Ernsthaftigkeit achten. "Das ist glaube ich ein deutsches
Phänomen", sagt Kristin. "Diese Angst, etwas könne zu niedlich und deshalb
belanglos sein, ist mir fremd. Ich versteh das nicht." Weit hergeholt
ist es sowieso. Denn eine persönlichere Platte, die einen mehr berührt
und mitreisst, soll man mir erstmal auf den Tisch legen. Auch wenn man
Zugang zu den isländischen Archiven hat, dürfte das nicht so einfach sein.
Überhaupt Island. Den ganzen Rummel um die Insel verstehen Kristin und
Örvar nicht so ganz, ist ihnen sogar ein bisschen unheimlich. Klar, es
gibt jede Menge gute Bands und einige von ihnen sind auch schon in den
Startlöchern die Welt zu erobern, aber eine Insel ist und bleibt eine
Insel. Berlin ist da schon viel spannender und die beiden wollen auch
erstmal hierbleiben. Wo man wohnt ist ja letztendlich auch egal, solange
man die Schwimmhalle und den Leuchtturm nicht vergisst. Und das wird nicht
passieren. Bestimmt nicht.
aus: DB 60

back
|