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Intro
May 2002
Article by Christoph Büscher.

Múm Sagaland
Soviel ist sicher: Wenn in den nächsten Wochen überall von Múm die Rede
ist, werden tolle Geschichten erzählt. Ansonsten kühle Stadtmenschen werden
gedankenverloren die Häuserschluchten absuchen. Reisen werden geplant
und wieder verworfen, fremde Erfahrungen mit den eigenen verwechselt und
Múms Musik in Gedanken tausendmal neu verfilmt werden. "Finally We Are
No One", das neue, bereits zweite Album des isländischen Popwunders, erzählt
von wunderbar unwirklichen Momenten, die wie kollektive Tagebücher, Postkartengrüße,
Notizbuchzettel oder Fotos vom letzten Sommerurlaub zu einer großartigen
neuen Story verschmelzen. Klingt zwar wie Eskapismus ohne Ende, aber wer
wird das den vier Freunden bei derart schöner Musik schon übel nehmen?
Sounds of Silence
Es ist wirklich schwer, sich dem Zauber Múms zu entziehen. Unbekümmert
mischen sie knisternde Electronica, programmierte Beats und Field Recordings
mit wundervoll plinkerigen Melodien, bleiben meist instrumental, geben
nur gelegentlich zarten Gesang hinzu. So spielten sich Gunnar, Örvar und
die Zwillingsschwestern Gyda und Kristín mit ihrem auf dem isländischen
Thule-Label erschienenen Debüt "Yesterday Was Dramatic, Today Is Okay"
in Windeseile in die Herzen der internationalen Elektronikszene. Und dank
der netten Menschen des britischen Fat-Cat-Labels kommt das neue Album
"Finally We Are No One" jetzt auch in den Rest Europas. Dabei wundern
sich Múm bereits, warum alle Welt so von ihnen schwärmt: "Uns war nicht
so ganz klar, dass so viele Leute unser erstes Album gehört haben und
schon ganz gespannt auf das neue Album warten. Jetzt stehen wir auf einmal
vor einem Haufen Interviews und müssen anschließend drei Monate auf Tour
überstehen, bevor wir uns wieder unserer Musik widmen können."
Eigentlich vermeiden Múm das Spektakuläre, wo sie können. Die vier beneidenswert
jungen Musiker aus Reykjavik, die sich vor ein paar Jahren an der örtlichen
Musikschule kennenlernten, wurden noch bis letztes Jahr überall als Geheimtipp
gehandelt. Ich erinnere mich, wie mir Erlend Oye von den norwegischen
Kings Of Convenience nach einem Interview im letzten Frühjahr ganz begeistert
von dieser tollen isländischen Band erzählte, die er ein paar Wochen zuvor
bei "All Tomorrows Parties" kennengelernt hatte. Über die korrekte Aussprache
des Bandnamens (tatsächlich mit langem ":u" wie in "moom") war er sich
dabei genauso unsicher wie viele Reviews, die über die Band und ihr großartiges
Debüt spekulierten.
Ein paar Wochen später waren Múm dann für einen ihrer bisher raren Deutschland-Gigs
in Berlins charmantem "Leisesten Club der Welt" zu Gast und teilten sich
die winzige Bühne mit Zartcore-Kollegen Komeït. Eine Mischung, die besser
nicht sein konnte. Der Platz schien fast zu klein für die Unmenge an elektronischen
und akustischen Instrumenten - darunter mehrere Synthesizer, ein Cello,
eine alte Orgel, Sampler und diverse Effektgeräte - doch die Vier bewegten
sich auf dem engen Raum so selbstverständlich, als wären sie hier zu Hause.
Wundervolle Melodien zwischen zerbrechlichen, komplex programmierten Beats,
der kaum wahrnehmbare Gesang und feine Noise-Texturen ließen das Publikum
immer dichter vor Boxen und Bühne rücken und am Ende des viel zu kurzen
Sets einfach glücklich zurück. Keine Frage, dass Múm ab sofort die isländischen
Botschafter des grade frisch gehypten "Sound Of Silence" waren.
Memory Sharing
Neben ihrem traumwandlerisch sicheren Händchen bei der Verschmelzung von
digitaler Beatbastelei und schlichten, schönen Harmonien ist es schon
verwunderlich, wie leicht Múms Musik die unterschiedlichsten Erinnerungen
auszulösen versteht. Nicht umsonst heißt einer der Songs auf ihrem Debüt
"Smell Memory", und Örvar meint dazu: "Du kennst das sicher, wenn man
etwas riecht, dann kommt häufig dieses seltsame Gefühl, diese Stimmung
von weit her, und nimmt einen für ein paar Augenblicke völlig in Besitz,
bevor sie wieder verschwindet. Wir glauben, dass unsere Musik in den besten
Momenten diese Qualität hat."
Wie solche Geruchserinnerungen, die wir mit niemandem teilen können, sind
vielleicht auch Múms Songs nicht näher beschreibbar, obwohl Titel wie
"Green Grass of Tunnel", "Faraway Swimmingpool" oder "The Land Between
Solar Systems" schon allein für sich genommen wie Überschriften zu kleinen
Miniaturmärchen wirken. Kristín sagt, nach einem Thema des neuen Albums
gefragt: "Vielleicht ist 'Finally We Are No One' so etwas wie die Ankunft
an einem Ort, an dem du nicht existierst. Oder der selbst nicht existiert."
Klingt nebulös? Nur, wenn man Múm noch nicht gehört hat.
Galtarviti
Für mich ist Island immer noch so ein sagenumwobener Ort. Klar, es gibt
Hinweise, dass es wirklich so umwerfend schön dort ist. Spuren, die ich
mir ansehen kann, Stories, die mir die wunderbare Landschaft beschreiben,
Fotos und Bilder im Web oder Berichte von Freunden. Wie der unseres Chefredakteurs
Thomas Venker, den jeder um seine letztjährige Reise nach Reykjavik beneidet,
bei der er nicht nur Múm traf, sondern auch die übrige isländische Musikszene
beleuchtete (was zu einer Mammutgeschichte im Intro 89 führte). Oder mein
Mitbewohner Björn, der mir erzählte, wie er vor ein paar Jahren zur Sommersonnenwende
auf einem isländischen Berg zusehen konnte, wie die Sonne tatsächlich
nur für ein paar Sekunden hinter dem Horizont verschwindet. Ohne diese
Bilder wäre Múms Musik wahrscheinlich nicht dieselbe. Daher ist es umso
schöner, dass es zu "Finally We Are No One" ein weiteres Bilderbuch-Kapitel
zu entdecken gibt. Das geht ungefähr so:
Letzten Sommer haben sich Múm zurückgezogen, um in Ruhe ihre neuen Songs
zu schreiben. Ein Bild des Hauses, neben dem ein roter Leuchtturm steht,
zierte den Heftaufmacher zu Thomas bereits erwähnter Islandgeschichte.
Das Haus ist gedrungen, das Dach macht einen leicht ramponierten Eindruck,
im Vordergrund viel Grün, im Hintergrund eine dünne Wasserlinie und ein
fast zu blauer Himmel. Der Ort heißt Galtarviti und befindet sich irgendwo
am Ende der Welt. Es war wohl ursprünglich das Haus des Leuchtturmwärters,
aber jetzt haben sie ihn durch Solarenergie ersetzt, so dass niemand mehr
in der Einsiedelei leben muss. Für Múms Zwecke schien diese Abgelegenheit
aber geradezu ideal, wäre nicht am Ende der Generator ausgefallen, der
Múms Maschinenpark mit Energie versorgte.
Örvar: "Diese Bucht ist selbst für isländische Verhältnisse abgelegen.
Der Helikopter musste viermal fliegen um unsere Instrumente herzubringen.
Die letzten Meter musste alles mit einem Fischerboot transportiert werden.
Aber die drei Wochen waren großartig. Ich denke daran, wie Kristín sich
im Nebel in den Hügeln um das Haus herum verlaufen hat und wir versuchten,
sie zu finden; oder wie Gyda allein mit ihrem Cello in einem Boot übersetzte
und in einen Sturm geriet. Sie rief so laut, dass wir sie noch im Haus
hören konnten und wir rausrannten, um zu sehen, wie sie auf den Wellen
auf und ab getragen wurde."
In A Pool, Under the Water
Gemessen an ihrem ersten Album "Yesterday Was Dramatic, Today Is Okay"
haben Múm noch mal einen großen Schritt gemacht. Die feinen Texturen,
erratischen Noise-Schleifen und mikroskopischen Soundpartikel sind noch
reichhaltiger als beim Vorgänger, die sparsam eingesetzten Lyrics sind
gekonnt eingewobene Popsplitter, die besonders in der ersten Hälfte den
Song-Charakter der Stücke unterstreichen, wenn es auch im Großen und Ganzen
instrumental bleibt. Besonders schön wird es immer da, wo Múm neben ihrem
untrüglichen Gespür für Miniatur-Melodien auch die ganze Bandbreite digitaler
Manipulation und cleverer Beatprogrammierung einsetzen, ohne dabei gleich
wie eine reine Elektronik-Band zu klingen. Der Opener "Sleep/Swim" klingt
etwa, als hätten Múm Fennesz "Endless Summer" im Gepäck gehabt, beruht
aber tatsächlich auf Audio-Material, das Múm zuvor für eine Art Unterwasser-Installation
verwendet haben:
"'Sleep/Swim' ist neben zwei weiteren Tracks auf dem Album älteres Material,
das wir für einige Unterwasser-Konzerte in Reykjavik geschrieben haben.
Wir haben einige alte Unterwasser-Lautsprecher aus US-Armeebeständen gekauft
und diese in einem Schwimmbad installiert. Die Leute mussten ihren Kopf
unter Wasser halten, um die Stücke zu hören. Diese Lautsprecher haben
nicht viel Bass, sind dafür toll im Höhenbereich. Wir haben versucht,
Musik zu schreiben, die wir gerne selbst unter Wasser hören würden und
die ganze Sache zweimal aufgeführt. Natürlich würden wir das gerne auch
woanders machen, die technischen Auflagen scheinen aber hoch zu sein.
Wenn uns irgendwer einlädt, wiederholen wir das gerne anderswo."
That Sound I Saw
Als wäre ihre Musik nicht selbst schon Soundtrack genug, haben Múm im
vergangenen Jahr noch mehr Musik für Filme geschrieben und ein Theaterstück
für Kinder vertont. Neben der Vertonung von Stummfilmen wie "Pandoras
Box", Bunuels "Andalusischer Hund" und Murnaus "Nosferatu" haben Múm sich
sogar an Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" versucht, was angesichts
der extremen Schnitttechnik und des politischen Inhalts dieses russischen
Experimentalfilms zunächst gar nicht so recht zu Múms sonstiger idyllischer
Welt zu passen scheint. "Uns haben inzwischen mehrere Journalisten gefragt,
ob wir keine Angst hätten, als 'nett und niedlich' bezeichnet zu werden.
Ist das etwas, wovor man sich in acht nehmen muss? Was, wenn wir nett
sind? Vielleicht sollten wir mehr Schimpfwörter benutzen oder unsere Instrumente
zertrümmern, aber das steht uns irgendwie nicht. Die Musik zu einigen
dieser Filme sollte eigentlich klarmachen, dass wir auch andere Stimmungen
einfangen können als bisher auf unseren Alben."
Town & Country
Múm unterstreichen immer wieder, dass ihre Musik, ähnlich wie bei ihren
Landsleuten Sigur Ros, untrennbar mit der isländischen Landschaft und
Natur verbunden ist, und "Finally We Are No One" ist vielleicht der beste
Beweis dafür. Trotzdem leben zumindest Örvar und Kristin seit vier Monaten
in Berlin, und letztes Jahr waren Gunnar und Örvar bereits für zwei Monate
hier. Nicht nur der freundschaftliche Kontakt zum hiesigen Morr Music
Label, auf dem Múm im letzten Jahr die Remix-EP "Please Smile My Noise
Bleed" veröffentlichten, legt eine längeren Aufenthalt nahe: "Wir sind
in letzter Zeit häufig hier gewesen und werden vielleicht noch länger
bleiben und wahrscheinlich sogar versuchen, etwas Deutsch zu lernen. Wir
haben inzwischen viele Leute hier in Berlin, und anders als Reykjavik
ist die Stadt derzeit wirklich ein Treffpunkt für so viele Leute." Es
gibt also gute Chancen, Múm in nächster Zeit selbst zu erleben. Bis dahin
verabschieden sich die Vier aber noch ganz charmant auf isländisch: "Bless
Bless" ...

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